Gastvortrag: Marina Dreisbusch (LMU München)
Im Rahmen unseres Kolloquiums laden wir Sie herzlich zum Gastvortrag von Frau Marina Dreisbusch (LMU München) zum Thema “Alles eine Frage der Perspektive? Der Effekt der Ergebnissalienz auf die Wahrnehmung rechtlicher Entscheidungsprinzipien in der Allgemeinbevölkerung sowie unter Expertinnen und Experten“ ein.
Der Vortrag findet am 21.01.26, von 10.15 – 11.45 Uhr, in Präsenz im Seminarraum 02.313 in der Nägelsbachstr. 49b in Erlangen statt.
Abstract:
Rechtliche Entscheidungen sind häufig mit Unsicherheit verbunden und erfordern eine Abwägung möglicher Fehlentscheidungen. Im Strafrecht wird dabei die Vermeidung falscher Verurteilungen höher gewichtet als die Bestrafung tatsächlich Schuldiger. Diese Gewichtung spiegelt sich auch im Mehrfachverfolgungsverbot wider, das eine erneute Strafverfolgung freigesprochener Personen wegen desselben Tatbestands ausschließt. Eine Wiederaufnahme des Verfahrens ist selbst dann ausgeschlossen, wenn nachträglich neue belastende Beweise bekannt werden – eine Rechtsauffassung, die das Bundesverfassungsgericht im Oktober 2023 erneut bestätigt hat. Die mediale Berichterstattung zu diesem Entscheidungsprinzip stellte unterschiedliche Ergebnisperspektiven in den Vordergrund: Während einige Beiträge den Schutz unschuldig Freigesprochener betonten, hoben andere hervor, dass schuldige Freigesprochene nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden können. Bisher ist jedoch unklar, wie diese Perspektiven die Wahrnehmung rechtlicher Entscheidungsprinzipien in der Allgemeinbevölkerung sowie bei Personen mit rechtlicher Expertise beeinflussen. In drei Online-Studien (N = 540, N = 401 Juristinnen und Juristen, N = 375 Polizistinnen und Polizisten) wurde untersucht, wie die selektive Salienz solcher Ergebnisperspektiven die Gerechtigkeitsbewertung des Mehrfachverfolgungsverbots beeinflusst. Die Ergebnisse zeigen, dass die dargestellte Perspektive einen bedeutsamen Einfluss auf die Bewertung des Gesetzes hat. Juristinnen und Juristen orientieren sich dabei jedoch stärker an bestehenden fachlichen Überzeugungen und weniger an der jeweils hervorgehobenen Perspektive. Im Rahmen des Vortrags werden die Ergebnisse der Studien vorgestellt und deren Implikationen für Theorie und Praxis diskutiert.
